Selbstverletzung

Selbstverletzungen waren lange ein Thema für mich.
Schon als Kind hatte ich schmerzhaft weggeknabberte Fingernägel und wenn es ganz arg war knabberte ich auch an der Haut über den Fingergelenken. Dauerschmerz.
Als ich unter Druck gesetzt wurde dass das doch krank sei und man mir mit einem Therapeuten drohte hörte ich damit auf.
Ich fing dann an mich zu kneifen. Zu verbrennen, ging ja oft unauffällig „nebenbei“.
Als ich zu Hause auszog „entdeckte“ ich dass es mit einem Cutter viel effektiver war. Und na ja. Viele Erklärungen braucht es dafür nicht.

Sich selbst verletzen ist für Außenstehende, Nichtbetroffene unvorstellbar, abstoßend und „krank“.
Und deswegen tendieren wir* oft dazu, unsere Narben, alle Spuren zu verstecken.
Sie zeigen unsere Verwundbarkeit, unsere Verletzlichkeit, und auch unsere Schwäche, unser Versagen. Sie zeigen dass wir nicht perfekt sind und dass es Dinge gibt die unser Leben schwer machen.
„Stell Dich nicht so an“ „komm mal klar, sowas ist doch eklig“ „Du musst kämpfen, nicht jammern“ „So etwas kann man nicht liebhaben, so jemanden muss man aus der Familie verstoßen“
Und wer möchte schon schief angeschaut werden oder verurteilt werden nur weil es Narben gibt.
Wer möchte so etwas schon hören.

Wir versuchen auf Teufel komm raus zu verhindern dass wir „dem Druck nachgeben“. Wir wollen das Unvorstellbare, „kranke“ nicht machen. Wir wollen keine Freaks, Emos, Außenseiter sein. Und im Mittelpunkt stehen wollen wir auch nicht.
Wir wissen dass es kein adäquates Entspannungsmittel ist. Wir bekommen vermittelt man tut so etwas nicht.
Wenn wir es dann doch tun fühlen wir uns schlecht. Wir haben versagt, es nicht geschafft.

So tun wir alles um Selbstverletzungen zu verhindern. Wir haben Skillkoffer, man sagt uns was gegen den Druck helfen kann. Eiswürfel, Gummibänder, Chilischoten…
Und wir setzen unsere ganze Energie darauf, „es“ nicht zu tun.
„Ich weiß nicht wie lange ich dem Druck standhalten kann“ ist unser Mantra.
Es erschöpft, und der Druck wird vielleicht weniger wenn wir ne Chilischote kauen, aber er kommt wieder. Er wird wiederkommen, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Und tief in uns drin wissen wir das auch, und trotzdem kämpfen wir gegen den Druck an. Mit allen Kräften.
Bis es nicht mehr geht.
Und dann fühlen wir uns schlecht.
Und das baut wieder Druck auf.
Und dann kostet es wieder Kämpfe und viel Energie.
Bis es nicht mehr geht.
Und so geht es immer und immer weiter.

Vielleicht haben wir uns irgendwann etwas anderes gesucht. Vielleicht schneiden oder verbrennen wir uns nicht mehr. Dafür arbeiten wir nun 13 Stunden am Tag. Oder gehen jeden Tag zum Sport und verausgaben uns bis aufs Letzte. Oder wir trinken zu viel. Oder kiffen. Oder fressen. Oder hungern. Oder oder oder.
Aber dafür schneiden wir uns nicht mehr.
Schlechter Tausch.

Ich habe jahrelang dasselbe Mantra gehabt. Gekämpft und mich zutiefst geschämt. Immer lange Ärmel. Und viele erschöpft durchweinte Nächte gehabt. Mir wurde all das vermittelt was ich oben schrieb, mir wurde in Therapien deutlich gemacht dass ich es doch nicht nötig hätte. Mir wurde gesagt dass ich dagegen an kämpfen müsse.
Unterm Strich blieb hängen dass ich nicht gut bin, nicht genug gegen an gekämpft hätte.
Ich war nicht richtig.
Ich behielt es für mich, suchte mir andere Stellen bloß damit ja niemand etwas merkt.

Ich fand das scheisse.
Ich wollte diesen Kreislauf aus Druck – Versagen – noch mehr Druck nicht mehr.
Ich war wütend.
Dass ich es mir verboten habe obwohl es mir doch hilft.
Dass ich mich immer schämte.

Und irgendwann hab ich für mich beschlossen dass es ok ist wenn ich es tu. Ich habe es mir ausdrücklich erlaubt. Wenn ich Druck hatte habe ich zwar geschaut ob es eine Alternative gibt, aber ich habe nicht mehr alle Kraft reingesteckt es zu verhindern, alleine mich zu fragen ob es nun wirklich brauche reichte aus und kostete keine Kraft.
Ich habe Druck, ich kann nicht anders – dann hab ich es gemacht.
Mich dann verarztet und gut war’s.
Und wunderbarerweise hatte ich kein schlechtes Gewissen mehr.
Und der Witz an der ganzen Sache:
Indem ich es mir erlaubt habe und wenn dann ganz bewusst getan habe verlor es ganz schnell seine Besonderheit.
Und der Druck wurde immer weniger.
Hatte ich mich manchmal mehrmals am Tag oder jeden Tag verletzt wurde es ganz schnell weniger.

Ich weiß wo meine Utensilien sind.
Aber allein das bewusste „ich hole jetzt meine Sachen“ hat schon Druck genommen

Und seit Jahren ist es eigentlich kein Thema mehr, bzw. Druckhaben ist so selten dass ich lange nachdenken muss wann es das letzte Mal war.

Wenn ich Kopfschmerzen hab nehme ich eine Tablette.
Wenn ich Druck habe weiß ich dass ich mich verletzen kann und darf (und alleine das zu wissen reicht um den Druck gar nicht erst soweit kommen zu lassen)

Deshalb:
Es ist ok wenn wir Druck haben.
Es ist ok wenn wir uns verletzen.
Es ist ok wenn es im Moment nicht anders geht.
Wir sind keine schlechten Menschen deswegen.

 

*
Ich schreibe einfach mal von „wir“, weil ich in Foren und in Gesprächen immer dasselbe gelesen und gehört habe. Praktisch allen ging es so.
Dennoch weiß ich dass es nie immer alle beinhalten kann, weil wir alle unterschiedliche Menschen sind die alle anders „ticken“. Daher: wenn Du Dich da nicht zuzählen kannst – auch ok, dann bist Du mit dem „wir“ auch nicht gemeint

Vom Genügen

Ich habe nie genügt.
Ich war nie gut genug.
Und bin es immer noch nicht.
Vermutlich werde ich es auch nie sein.

Und ich mag einfach nicht mehr.
Ich mag nicht mehr nonstop vermittelt bekommen dass ich zu nichts tauge, nichts kann und am besten einfach nicht da wäre.

Ich hasse dieses Gefühl von Versagen und Nichtgenügen.
Egal wie man sich abstrampelt, egal was man tut – es reicht nicht.
Jedes mal zieht es mich ins Bodenlose. Mein Magen krampft sich zusammen und es kommt diese Welle von Schmerz und Watte.
Ein unendliches Fallen.
Und eine tiefe Müdigkeit.

Ich spiele mit einem Bekannten ein Computerspiel, und wir haben uns aus Spaß ranken lassen. Haben kompetitiv gespielt, gibt ja auch eine nette Belohnung. Wir haben alle Spiele gemeinsam gewonnen und verloren. Er landete auf einem Silberrang – ich auf dem untersten existenten Rang. 7 ganze Ränge schlechter. Für die gleiche Leistung. Und auf dem untersten Rang – das ist einfach ein Schlag ins Gesicht. Mit der Winrate und mit dem Spielverständnis – nope. Weil das Spiel mich nicht „kennt“ im Vergleich zum Bekannten und ich irgendwann mal ranked gespielt hatte und damals zu Beginn des Spiels nicht gut war. „Du warst irgendwann mal echt scheisse, also kannst du nun nicht gut sein“…
Das Gefühl ist ja nicht neu. Dieses Versagen, dieses zu schlecht sein.
Egal was und wo – immer kommt irgendwer und irgendwas und sagt „hei, netter Versuch aber: geh sterben“.

Als Kind hab ich Karate gemacht, war sogar Vereinsmeisterin meiner Altersklasse, habe gegen einen Gelbgurt gekämpft. Ich dachte ich wäre gut. Ausreichend. Ok.
Vielleicht hätte ich nicht gegen die Tochter des Trainers gewinnen dürfen…
Ich habe in den ca. 3 Jahren im Verein keine einzige Gurtprüfung machen dürfen. Man wolle mich vor einem möglichen Nichtbestehen schützen. Ich weiß nicht mehr ob das meine Mutter sagte oder der Trainer. Trainieren durfte und musste ich aber mit denen die schon ein, zwei Gürtel besser waren. Und ich konnte das alles. Ich wurde nie gefragt ob ich auch eine Gurtprüfung machen wollte. Ich wurde nie, wie die anderen, auf eine Prüfung vorbereitet.
Was bleibt davon hängen? Ich war wohl zu schlecht und man musste mich vor so einer Prüfungssituation, in der ich hätte verlieren können, beschützen.
Meine Eltern verstanden nicht warum ich keinen Spaß mehr hatte.

Als Jugendliche habe ich Badminton gespielt. Es machte mir halbwegs Spaß und auch da hab ich mich nicht für ausgrenzungswürdig schlecht gehalten. Ok, ich war nicht die schnellste, aber das hab ich durch Technik wettmachen können. Als es um eine zweite und dritte Mannschaft ging wurde ich nicht gefragt. Jeder spielte praktisch in irgendeiner Mannschaft. Jeder. Nur ich nicht.
Es reichte nicht mal für die Ersatzbank der dritten Mannschaft.
Stattdessen sperrte man mich einmal mit einem anderen Sportler in die Gerätekammer. Irgendwann schlossen sie wieder auf, er ging raus. Und ich blieb sitzen. Irgendwann hab ich dann wortlos in der Halle meine Sachen genommen und bin da nie wieder hingegangen.
Meine Eltern verstanden nicht warum ich keinen Spaß mehr hatte.

Ich habe früh ein Instrument gelernt. In der Musikschule des Ortes, wie viele andere auch. In einer Gruppe. Und ich erinnere mich dass ich mich irgendwann langweilte. Mir war das alles zu leicht. Eine andere Gruppe gab es für mich nicht. Die bessere Gruppe sei angeblich voll (genau, und es kamen immer mal neue Schüler hinzu). Irgendwann, nach vielen Jahren Unterricht hab ich dort aufgehört. Ich hatte längst angefangen mir vieles selber beizubringen. Ich wurde nie gefragt ob ich mal bei einem Wettbewerb mitmachen möchte. Andere wurden für Jugend musiziert gecoacht. Aber deren Eltern tranken ja auch mit der Musikschullehrerfrau Kaffee.
Ich war unzufrieden und wollte immer wieder aufhören, es dauerte lange bis meine Eltern das akzeptierten. Verstanden haben sie es nicht.
Ich kaufte mir eine Oboe und fing an einer sehr großen renommierten Musikschule an, merkte aber schnell dass dieses Instrument nichts für mich ist. Zudem kam ich mit der Einzelunterrichtssituation nicht klar. Ich kann nicht alleine vorspielen, ich bin dann unsicher und bekomme nen Lachflash. Die Paar Wochen Unterricht waren eine Qual. Schon mit Magenschmerzen die 2 Stunden Bahnfahrt hin gemacht.
Ich wechselte dann wieder auf mein Ursprungsinstrument weil die Kündigungsfristen an der Schule dort so blöd waren.
Und zum ersten und einzigen Mal hab ich eine Lehrerin gehabt, die merkte was ich konnte. Die es durch total unangestrengten Einzelunterricht schaffte noch vieles aus mir herauszukitzeln. Die einfach mit mir zusammen spielte und es klang jedes Mal wunderschön.
Jede Unterrichtseinheit war eine Wohltat. Dieser eine Tag in der Woche mit all den Wegstrapazen hat mir damals praktisch das Leben gerettet.

In der Schule war ich nie gut. Ich hatte kein Glanzfach. Kunst und Musik zählten nichts. Ich war so schlecht dass ich nicht mal als Hausaufgabenabschreibenlasser getaugt hab. Nicht mal dafür.
Es ist so arg schlimm nicht von Bedeutung zu sein, weder was im Sport zu taugen noch für sonst was. Man ist ein Niemand. Den man entweder nicht beachtet oder einfach tritt. Der höchstens zum Amüsement der anderen zu existieren scheint.
Ich konnte vieles. Habe mehr zugehört als es wohl den Anschein machte. Aber ich konnte es nur schwer „auf Papier“ umsetzen. Thema verfehlt war praktisch unter jedem Aufsatz zu lesen.
Auch wenn ich mal viel lernte für eine Arbeit gab es maximal eine Drei. Es reichte nie aus für eine eins. Es hieß immer „wenn Du sitzenbleibst gehst du runter auf die Hauptschule“ und „Du wolltest aufs Gymnasium, dann komm damit auch klar“. Ich war nicht zu blöd für den Stoff. Ich war nicht in der Lage das Gelernte adäquat umzusetzen. Dazu kam die unsägliche Mobbingsituation die jede einzelne Minute unerträglich machte. Vielleicht ging deswegen Leistungstechnisch weniger als möglich gewesen wäre.
In den Nachhilfestunden hab ich mich gelangweilt. Ich konnte das meiste.

Studium?
Kam ich nicht mit klar. Zuviel Selbstmanagement, zu viel Theorie. Zuviel Trigger.
„hast es halt mal wieder nicht geschafft, wieder was angefangen und nicht zuende gebracht“…

Ausbildung?
Lauter Einser, eine Zwei. Endlich mal Bestätigung in einer Schulsituation.
„Das ist ja keine richtige Ausbildung, das ist ja Schmalspur, also wenn ich das mit meiner vergleiche“ „Wie kannst du da nur eine zwei haben“.
Bääähm, mitten ins Gesicht.

Sprachen lernen in der VHS? Nach einem Kurs aufgehört. Fühlte mich fremd, nicht dazugehörig – und die anderen waren mir zu wenig ernsthaft dabei, für mich war es verschenkte Zeit.

Als ich Krebs hatte kam nur „keine Chemotherapie? Aber bist Du sicher dass es Krebs ist, hast Du dich vielleicht verhört“.

Ich erzähle meinen Eltern davon dass wir gerne im Verein Skat spielen würden. Wurde ausgelacht, ob ich wisse was Vereinsskat bedeute und dass wir da fehl am Platz wären, die würden alle spielen können.
Wir waren auf einer Flippermeisterschaft. Erzählte davon. „Ach, und T. spielt mit, oder?“ Ich konnte nur bitter lachen und sagen dass ich ihn schon so oft geschlagen hab und besser wäre. „ach, aber T. spielt doch so viel Flipper, und Du ja nicht“. Danke. Genau.
Ach, und als ich als Kind (5. Oder 6. Klasse) vom Mobbing erzählte wurde mir ins Gesicht geschleudert: „bist doch auch selber schuld“.

Und nonstop kamen und kommen Vorwürfe, egal um was es geht. Familie, Gesundheit, Arbeit. Völlig egal.
Ich müsse hier etwas machen und da etwas machen, ob ich wüsste dass das gut sei und das helfen würde.
Und ich müsste mich mal um xy kümmern.
Und alles mit dem Unterton ich wäre dafür zu dumm und man müsse mir das immer und immer mitteilen.
Und ich würde nie was zuende machen, würde mich anstellen. Könnte nichts aushalten. Würde nicht an einer Sache dranbleiben, hätte keinen Mumm und keine Disziplin.
Und es sei doch ganz leicht ich müsse ja nur.

Ich habe immer gehofft dass mal eine Sache ok ist. Ich hab immer geschaut dass ich etwas Positives erzählen konnte und etwas worauf ich stolz war. Was ich gut fand. Ich hab um jedes bisschen Anerkennung gefleht innerlich.
Und einfach nur sagen „hei Kind, das machst Du gut, das gefällt mir“ – das waren leere Worte. Die Augen und der Rest sagten was anderes. Ich habe nichts gespürt.

Ich will das nicht mehr.
Ich hätte gerne einmal in den letzten 40 Jahren gehört dass ich was gut gemacht habe oder dass man stolz auf mich sei.
Dass es ok ist was ich tue, denke, sage fühle.
Dass man mich ernst nimmt.
Dass man mich in den Arm nimmt und sagt „hei, wir schaffen das“.

Dass ich ok bin.

Müdigkeit (1)

Ich bin müde.
Unendlich müde, tief drinnen.
Fühle mich sehr einsam.
Alleingelassen.

Erschöpft von den Dauerschmerzen, den Sorgen, der Depression.
Egal wie lange und wie gut ich schlafe, diese tiefe Müdigkeit geht nicht mehr weg.

Ich bin 24/7 aufmerksam wie es meinem Mann geht.
Schaue dass er morgens zur Arbeit geht und pünktlich ist, leider kann ich ihm nicht vertrauen wenn er sagt „ich stehe pünktlich genug auf und komme nicht zu spät“; es funktioniert maximal eine Woche, wenn überhaupt.
Ich habe die Antennen immer auf Empfang.
Bin immer unter Strom.

Ich bin immer da für meinen Mann, stütze und unterstütze wo ich kann. Stelle mich zurück damit es ihm gut geht.
Jammere nicht und reiss mich zusammen damit ich ihn nicht runterziehe. Wenn es mir nicht gut geht dann wird er traurig und dann geht es ihm auch nicht gut:

Wir haben den Deal dass er arbeitet und ich alles andere mache. Haushalt, Wäsche, Schriftkrams, Telefonate und sowas.
Was rein theoretisch kein Problem ist.
Praktisch schon.
Wenn der Wäschekorb nicht auf einem Rollwagen steht weil da seit Tagen die Getränkekisten drauf stehen kann ich keine Wäsche machen. Wenn der Einkauf kommt und die Kisten nicht auf einem Rollwagen stehen ist es arg nervig/anstrengend die Kisten anzunehmen und abzugeben. Ich muss also auch noch dafür sorgen dass genau das jeweils erledigt ist.
Blumen gießen? Muss ich dran erinnern.
Müll rausbringen? Muss ich dran erinnern.
Altpapier wegbringen? Muss ich dran erinnern.
Wäsche vom Ständer nehmen damit ich aufhängen kann? Muss ich erst drum bitten, eher staubt die saubere Wäsche auf dem Ständer voll als dass er das einfach mal macht.
Wäsche in den Schrank räumen? Ne. Die stapelt sich seit Wochen auf dem Sofa und in Klappkisten.
Dabei wurde mir versprochen dass in der neuen Wohnung alles anders wird.
Nichts wird anders wenn ich nicht hinterher bin.
Jeden Tag muss ich mich um alles Mögliche kümmern.
Ich habe kein frei. Keinen Urlaub.
Von den praktischen Dingen abgesehen habe ich einmal die Woche die Haushaltshilfe hier, die durch die Wohnung tobt. Es ist schön dass sie das macht was ich nicht kann, aber es ist eine extreme Belastung für mich und der Tag geht krafttechnisch komplett dafür drauf.
Lebensmittelbestellung machen – ich muss an alles denken und überlegen was er denn essen möchte, und ich soll es am Wochenende auch kochen.
Ich stehe am Wochenende fast immer vor der Entscheidung: mir was machen, Pause machen, ihm was machen – oder nur ihm was machen und selber ne Stulle essen.

Klar, die Zeit wo ich erschöpft bin, Kraft tanke oder einfach schaue dass ich irgendwie über die Runden komme zocke ich. Chatte, voicechatte über Gott und die Welt.
Weil tagesaktuelle Themen, oder Fußball, oder Philosophie kann ich mit meinem Mann nicht belabern. Und wenn er abends nach Hause kommt ist er logischerweise platt und hat nicht wirklich noch Nerv auf sowas.

Für Außenstehende sieht es so aus als ob ich nur zocke und rumhänge.
Das macht mich wütend. Und hilflos.
Klar hab ich mehr Zeit für Spiele, ich bin ja nicht draußen, gehe nicht arbeiten und kann mir hier alles selber einteilen. Aber es ist weiß Gott nicht immer „freie Rumhängezeit“ sondern schlicht Erholungszeit.

Es ist schwer Menschen klar zu machen,
dass z.B. jedes Duschengehen so viel Kraft und Zeit kostet, dass nicht mehr viel für den Tag übrig bleibt.
dass jeder Besuch alle Energie kostet
dass jedes längere Telefonat mich aus meinem Rhythmus bringt und dadurch den ganzen Tag stört
dass jede kleine Haushaltstätigkeit sehr lange dauert und sehr anstrengend ist
dass ich vieles nicht alleine kann (z.b weil ich zu klein bin und nicht rankomme)
dass alles was ich tue und tun will immer geplant sein muss

Ich wünschte mir, ich würde morgens aufwachen und müsste nicht alles und zwei Leben managen.
Ich wünschte mir, ich würde morgens aufwachen und hätte keine Schmerzen.
Ich wünschte mir, ich würde morgens aufwachen und könnte einfach so losgehen.

Ich wünschte mir, ich würde morgens aufwachen und wäre einfach glücklich und zufrieden.

Und am liebsten würde ich morgen einfach nicht mehr aufwachen.

Aber das wünsche ich mir seit 30 Jahren, vergeblich.

Gedankenpingpong (1)

In meinem Kopf herrscht Chaos.
Meine Gedanken spielen Pingpong.

Meine Mutter will mit mir zu ihrer Mutter fahren.
Wait, what?
Ich war vor gut 25 Jahren das letzte Mal da. Kenne sie nicht. Wir schreiben uns weder zum Geburtstag noch zu Weihnachten Karten.
Ich muss gestehen, sie interessiert mich nicht. Wie auch meine Onkels und Tanten nicht. Ich habe das Thema „Familie“ abgehakt, begraben sozusagen. Ich kann und will nicht auf Knopfdruck plötzlich mit allen lieb Familie machen, ich kenne sie nicht, sie sind fremd. Und sie bedeuten mir nichts.
Das alles ist ein Produkt meiner Eltern. Meiner Mutter hauptsächlich.
Sie hatte Familienkontakte praktisch auf Eis gelegt, es gab bis auf sehr seltene Besuche alle paar Jahre bei ihrem Bruder keinen Kontakt zur Familie. Bei den wenigen Treffen war ich immer irgendwie falsch, fühlte mich nicht dazugehörig und wusste mit denen nichts anzufangen. Und ich musste immer mit zu den Besuchen, weil „ist doch Familie“.
Sie fehlen mir nicht.
Weil ich sie nie hatte.
Ich habe gelernt dass ich alleine bin, dass es keine Onkels/Tanten/Großeltern etc. gibt zu denen man mal gehen kann und bei denen man sich als Kind evtl. auch mal ausheulen kann bzw. Abwechslung hat. Selbst wenn – jeder Besuch wäre seziert worden. Und NICHTS wäre dort geblieben, meine Mutter hätte alles mitbekommen hätte sich in alles eingemischt und wäre gedanklich sowieso immer dabei gewesen.

Mit würde es gut tun meine Oma nochmal zu besuchen, sie ist jetzt 84 und schon sehr sehr klapprig, so viele Gelegenheiten würde es nicht mehr geben. Ja, und? Sorry Mama, aber was soll ich da?
Ich hab mit der Person nichts zu bereden. Wer ist sie?
Und:
ich würde
a) die Bahnfahrt dahin nicht schaffen
b) weder Rucksack noch Tasche tragen können
c) in einem „normalen“ Hotelzimmer evtl. aufgeschmissen sein
d) schon morgens ihre Pläne ausbremsen
e) ein Einzelzimmer haben wollen
f) keinerlei Fahrten/Besichtigungstouren mitmachen
g) nicht bei Besorgungen und Putzaktionen bei der Oma in irgendeiner Form helfen können (der Besuch dort kauft immer ordentlich ein und putzt mal Fenster und so)

Und der eigentliche Haken:
Meine Oma ist kein guter Mensch.
Sie war maßgeblich an den Prügelorgien, an der Hetze und dem Geschwisterausspielen beteiligt, SIE hat es gelenkt, gesteuert, getan. Und es nutzt nichts dass sie nun alt ist und man vergeben soll. Ja, wenn andere das tun, ok.
ICH hab bis heute an meinem Elternhaus zu knabbern. Und nicht weil es Schläge gegeben hätte. Sondern einfach daran, dass meine Mutter (und mein Vater) gestört sind was soziale und empathische Beziehungen angeht. Ich habe es bis heute nicht geschafft meine Mutter einmal zufrieden zu stellen oder irgendwie Anerkennung zu bekommen für etwas was ich wirklich geschafft hab und worauf ich stolz bin/war. Immer war es nicht gut genug, immer war es doch nichts wert.
Ich war schuld an meinem Mobbing, es gab keine Umarmung, kein Trost. „Du bist selber schuld“.
Schwäche war schlecht, Gefühle waren schlecht. Und hängenlassen sei keine Option, sie hätte es so schwer gehabt und sie hat sich selber aus dem Sumpf gezogen und aus ihr ist etwas geworden usw.
Meine Mutter ist hart. Zu Fremden verständnisvoll, hilfsbereit und hat immer ein offenes Ohr und einen guten Rat. Aber zu Hause war sie hart, rational und wenn andere hilfreiche Tipps bekamen gab es bei mir nur Vorwürfe und Schuldzuweisung. Gesagt wurde immer „wir stehen immer hinter Dir, uns kannst Du immer vertrauen“. Worte, nur Worte.
Auch später als ich erwachsen war und nicht mehr zu Hause wohnte wurde es nicht besser. Mir wurde immer wieder deutlich gemacht ich sei ein Versager, lebensuntauglich, würde sie missachten, würde immer nur weglaufen wenn etwas schwierig werden würde, hätte die schlechten Gene meines Vaters…

Warum bitte soll ich zu meiner Oma?
Warum soll ich eine Person sehen/kennenlernen, die meine Mutter kaputtgemacht und vergiftet hat?
Worunter ICH auch noch zu leiden habe?
Ich möchte nicht mal zu deren Beerdigung. Sie ist mir egal.

Ein Besuch dort wäre mein Tod. Meine Mutter würde mitbekommen wie es mir geht und wie ich drauf bin. Und das würde ich nicht überleben, es ist mir auch peinlich/unangenehm wenn sie das alles mitbekäme.
Ich will nicht in ihr Leben einbezogen werden.
Ich habe Angst vor Telefonaten mit ihr. Ich muss immer aufpassen was ich sage, weil es immer etwas zu nörgeln gibt, immer etwas was sie kommentieren muss.
Immer wenn das Telefon klingelt zucke ich zusammen und mein Magen krampft sich zusammen.
Und dann soll ich einige Tage 1000km entfernt ihre Mutter besuchen?! MIT IHR?

Und ich ertappe mich manchmal bei dem Gedanken, dass ich mir wünsche dass meine Mutter nicht mehr ist.

Und dann fühl ich mich scheisse.

Ich hab meiner Mutter gesagt dass ich daran kein Interesse habe. Sie war enttäuscht, sie hätte es sich schon gedacht. Und ich sagte ich würde noch drüber nachdenken, aber vermutlich meine Meinung nicht mehr ändern.
Klipp und klar nein sagen konnte ich nicht.

Respekt geht anders

Dies ist eine Auswahl von Dingen die mir von Therapeuten (erster Block) und Ärzten (zweiter Block) teilweise mehrfach einfach so ins Gesicht gerotzt wurden, in einem Tonfall, der hier leider (oder zum Glück) nicht wiedergegeben werden kann.
Es fehlt Achtung, Respekt und Ernsthaftigkeit.

Was haben Sie denn heute für ein Thema?
Was haben Sie vorbereitet?
Haben Sie die Aufgabe erledigt?
Wenn Sie es wirklich wollen können Sie das.
Dann geht es Ihnen nicht schlecht genug.
Wieso lachen Sie denn, wollen Sie mich veräppeln.
Nächste Woche bringen Sie ein Thema mit, es ist ja IHRE Therapie.
Wieso finden Sie sich hässlich, Sie sehen doch ok aus, sportliche Kleidung…
Ach, kommen Sie, so schlimm ist das doch nicht.
Wieso nehmen Sie denn kein kalorienreduziertes Essen wenn Sie sich so dick und hässlich finden.
Wenn Sie wollen dass man Ihnen hilft müssen Sie schon mitspielen.
Na, was haben Sie sich denn vorgenommen diese Woche – und haben Sie es geschafft?
Wenn Sie das nicht machen gibt es eine Verwarnung, und bei zu vielen Verwarnungen müssen Sie gehen.
Wenn Sie nichts mitbringen können wir die Therapie auch beenden.
Wenn Sie abbrechen wird die Kasse womöglich nicht bezahlen.
Sie müssen es schon versuchen.
Anderen geht es schlechter.
Sie müssen sich schon ein wenig zusammenreißen.

Machen Sie Sport.
Die Werte sind fehlerhaft vom Labor, sonst würde es Ihnen ja unbeschreiblich schlecht gehen.
Wenn Sie das Rezept nicht nehmen lass ich Sie einweisen.
Sie können Weihnachten doch nicht allein zu Hause sein.
Sie bilden es sich sicher nur ein.
Sie vertragen das Essen nicht, Sie haben doch Bulimie, es kann doch nicht sein dass Sie die Kartoffeln nicht vertragen.
Sie waren doch schon mal hier in der Psychiatrie – also die Schmerzen die Sie haben, die sind sicherlich eher psychischer Natur.
Oh man jetzt hat die in Zimmer xy auch noch Keim xy.
Das hat eine Frau mal.
Ich kann mir nicht vorstellen dass es so stark ist wie Sie erzählen.
Sie werden das doch wohl können.
Die Nebenwirkungen können Ihnen in Ihrer Lage doch wohl egal sein.
Dann gehen Sie doch nachts nicht an den Kühlschrank.
Warum sollte ich Sie darauf untersuchen, essen Sie doch erstmal weniger.

Therapie (3) – 8 Wochen Psychiatrie

Ich war bis zu dem Zeitpunkt noch nie im Krankenhaus. Und dann gleich Psychiatrie – es war alles sehr surreal. Ich stand neben mir.

Und alles waren irgendwie „normale Leute“, man sah es ihnen nicht an. Ich war erstaunt, ich hatte ja schon gewisse „Erwartungen“.

Da war die Mitt50erin mit Panikattacken die immer Atemübungen machte und im Laufe der Zeit immer „mutiger“ wurde.
Da war der junge Kerl, PauliFan, den die Polizei aus der Wohnung holte weil er sich umbringen wollte.
Da war der Bäcker der seinen Job nicht mehr ertrug, der Selbständige, der eines Tages nicht mehr aufstehen konnte.
Die Frau mit Brustkrebs die damit nicht klar kam so verwundbar zu sein und Angst hatte ihre Kinder allein zu lassen.
Der junge Mann der vor Kopfschmerzen durchdrehte und sich herausstellte dass er Angst vor Bus- und Bahnfahren hatte, und der am Ende wieder mit der Bahn fahren konnte.
Und und und und.

Man besorgte mir erstmal einen bequemeren Rollstuhl, einen wo mein breiter Hintern reinpasst.
Es gab 2er Zimmer, die Station war ein Neubau, es war alles hell und freundlich.
Soweit war alles ok, das Essen hätte deutlich schlimmer sein können – und eigentlich könnte es nun bergauf gehen.

Was waren meine Erwartungen, Wünsche, Hoffnungen?
Ich wollte wissen was los ist. Warum ich nicht gehen kann, warum ich Schmerzen habe, warum ich den Spiegel von der Wand schlagen wollte wenn ich mich sah, ich wollte eine Schublade, einen Stempel. Und eine Basis mit der ich weitermachen konnte.
Ich stellte mir einen vollen Tagesplan vor. Voller Therapien, voller Chancen, voller Türöffner.
Ich hoffte auf Therapiegespräche, wo die richtigen Fragen gestellt werden würden. Die auf mich eingingen, die mit mir forschen und suchen würden. Und das alles in einem sicheren Ort wo ich ich sein konnte.

Und ich bin sehr unsanft auf dem Boden der Tatsachen gelandet.
Therapiegespräche?
1x die Woche 60-90 Minuten. Nicht allein, zusätzlich zum Therapeuten war ein Pfleger anwesend. Und natürlich nicht zu einem festen Termin, sondern mal dann oder dann.
Morgenrunde, Abendrunde (maximal ne Stunde) und zweimal die Woche Gruppensitzung (90 Minuten glaub ich).
2x die Woche Ergotherapie. Musiktherapie war grad „aus“.
Rückengymnastik gab’s für mich nicht, dafür hatte ich Physiotherapie, die aber meistens ausfiel weil gerade keine Kapazität für mich da war.
Das war’s.
Das war’s wirklich.
Ich mein – hallo? Intensive Therapie? Betreuung?

Ich bekam am ersten Tag Blut abgenommen und musste auf die Waage. Klar, Statusfeststellung und so. Kein Problem. Man verpasste mir Eisentabletten, ein Antidepressivum und abends was zum Schlafen. Es gab keine Diskussion. Einwände von wegen der Menge wurden weggewischt. Ich bin am ersten Abend beim Zähneputzen praktisch mit dem Kopf im Waschbecken gelandet, ich weiß nicht mehr wie ich ins Bett gekommen bin. Immerhin konnten wir dann die Menge halbieren, aber verzichten ging gar nicht. Meine Bitte meine Schilddrüsenerkrankung nochmal blutwerttechnisch zu überprüfen und mich auf spezielle Medis einzustellen wurde verweigert. Bzw. es gäbe da nichts Behandelnswertes.

Ich fühlte mich alles andere als ernstgenommen. Ich steh nicht auf Medikamente, und wenn nicht mal ernsthaft mit einem gesprochen wird wieso weshalb und warum macht es das nicht besser.

Die „Einzel“Therapiegespräche waren unschön. Nicht weil wir unangenehmes bearbeitet haben, sondern einfach von der ganzen Situation. Mir war der Kerl sehr unsympathisch und mir wurde vorgeworfen ich würde so viel im Internet surfen und spielen, es sei ja klar dass ich „nicht nur Damagedealer“ spielen würde sondern auch Heiler „diese Seite haben Sie auch in sich“. Egal was ich sagte, was ich fragte – es wurde gefühlt gegen mich verwendet. Mir wurde vorgeworfen warum ich nicht Diätessen bestellen würde wenn ich so unzufrieden mit meinem Körper wäre… Dass ich von meinem Essen kaum was gegessen hab weil alles mit Soße zermatscht war oder Zwiebeln hatte oder so interessierte ihn nicht. Ich würde ja nicht wollen und allen was vormachen. Ich fühlte mich fehl am Platz und begriff schnell wie ich zu reagieren hatte damit es „Fortschritte“ gab. Dass immer jemand dabei war fand ich sehr störend.

Einmal die Woche war Visite. Oder auch „Das Tribunal“, „die Abrechnung“. Die Vorhänge beim Aufenthaltsraum wurden zugezogen, es hing eine Liste an der Tür wer wann dran war. Und so saßen wir alle nervös vor der Tür.
Dann wurde man reingerufen und fand sich diversen Leuten gegenüber. Dem Therapeuten, einem Teil des Pflegepersonals, Ergotherapeutin, Oberärztin. Und unangekündigt waren auch mal „Praktikanten“ dabei. Es wurde natürlich NICHT gefragt ob es einem recht sei, und vorgestellt wurden sie einem auch nicht. Und in dieser Visite wurde dann geschaut was sich die Woche getan hat. Welche Ziele man sich gesteckt hatte und wie weit man damit sei. Dann nickten alle und gaben ihre Kommentare dazu ab, ermahnten, warfen vor. Und dann durfte man wieder gehen. Mitgegeben wurde einem auf den Weg, dass man mitmachen müsse, weil die Krankenkasse sonst unter Umständen nicht bezahlt, und früher gehen/abbrechen ginge auch nicht, weil Krankenkasse. Mitgehangen mitgefangen. Es wurde Druck gemacht. Und auch hier war schnell klar wie man sich zu verhalten hatte damit man positiv weg kam.

Ich lernte schnell. Lächeln, nicken, schauspielern. Bloß nicht erwähnen was wirklich in einem vorging, die Emotionen bloß im Griff halten. Die 8 Wochen absitzen, irgendwie überstehen.

Hilfreich waren die Ergotherapiestunden. Farben, Materialien, mit den Händen etwas machen, sie sprechen lassen. Ich hätte so gerne mehr davon gehabt. Soviel mehr. Ich konnte schon immer mehr über meine Bilder ausdrücken.

Und so vergingen die Tage. Mit viel Leerlauf. Ich sass Stunden vorm Aquarium oder puzzelte.
Oder wir spielten mit dem DS MarioKart oder Tetris gegeneinander und hatten viel Spaß dabei – sehr zum Missfallen der Pflegecrew. Wir wären zu laut (lachen ist manchmal laut), sollen uns doch zurücknehmen. Und überhaupt sollten wir die Zeit doch eher produktiv nutzen. WIE konnte uns keiner sagen.
Ein Nachmittag waren wir alle an der Tischtennisplatte und wir hatten gute Laune, lachten, kreischen, spielten Runde – und es war einfach famos. Die ganze Station war dabei. Und auch hier waren wir zu laut, zu fröhlich und das Beisammensein wurde unter Androhung von Verwarnungen (Gelbe Karte) aufgelöst.
Zum Glück war gerade irgendwas großes EM oder WM oder so, ich weiß es nicht mehr, und wir „durften“ abends die Zubettgehzeit ein wenig überziehen und im Fernsehraum die Spiele schauen. Aber nur wenn es dem Pflegemenschen passte. Es musste durchaus mitten im Spiel ausgemacht werden.

Ab und an hatte ich mit der Sozialfrau ein Gespräch, und sie schaffte es einen Kontakt zur Arge herzustellen. Nach vielen Monaten Stillstand kam Bewegung in die Sache. Mein Freund sollte den Termin für mich wahrnehmen (ich war ja im KH), aber die Sache eskalierte telefonisch (die Sachbearbeiterin brüllte mich an was ich mir erlauben würde anzurufen etc.). Und so „nahm“ ich mir einen Vormittag frei und ging mit meinem Freund zusammen zum Amt. Die Dame dort war mehr als konsterniert dass wir zu zweit auftauchten, und mit mir hätte sie nicht gerechnet. Tja… meinen Freund hätte sie eiskalt über Tisch gezogen. Und plötzlich gab’s Geld. Bares und aufs Konto -rückwirkend für ein halbes Jahr. Der Bescheid war dennoch fehlerhaft und mit Hilfe der Gewerkschaft schrieb ich einen Widerspruch. Auf den es keine Reaktion gab.
Knapp 2 Jahre später hab ich mir dann mithilfe eines Anwaltes ziemlich viel Kohle zurückgeholt. (aber das ist eine andere Geschichte)

Was haben die 8 Wochen gebracht?
Was gab’s unterm Strich für mich?
Es gab Geld (Arge), es gab einige schöne Dinge aus der Ergo.
Es gab Diagnosen, die mir nie erklärt wurden und die später zum Teil von einer anderen Therapeutin als „völlig daneben“ widerrufen wurden.
Ich perfektionierte meine Schauspielkunst und lächelte und ballte die Faust in der Tasche.
Ich lernte dass diese Art der Therapie, dass Psychiatrie nichts für mich ist und mir in der Form nicht weiterhilft.

Anderen hat die Zeit dort geholfen.
Es wäre absolut unfair das zu unterschlagen. Nur weil es MIR nicht half heißt es nicht, dass andere da nicht gestärkt rausgehen. Es passt nicht für alle. Nicht alle hatten Probleme mit dem respektlosen Umgang seitens der Pflegeleute/Therapeuten.
Ich bin immer noch fasziniert von dem Mitpatienten mit den Kopfschmerzen der irgendwann vor Freude in einer Abendrunde weinte und erzählt dass er das erste Mal seit langem Bahn fahren konnte und seit Tagen keine Kopfschmerzen mehr hätte. Da kullerten auch bei anderen die Tränen.

Es ist immer ein Versuch wert, vielleicht passt es ja und es kann eine Basis geschaffen werden weiterzumachen.

Anekdote zum Schluss: Ich traf im Treppenhaus eine ehemalige Mitbewohnerin aus dem Studentenwohnheim, wir wechselten zwei, drei Worte und sie meinte ganz salopp „Ach, Du bist die mit dem Spieleproblem“.
Ja, danke. Abgesehen davon dass ich damit kein Problem hatte und habe (wenn man vor Schmerzen nicht viel machen kann ist zocken ein guter Zeitvertreib, sozialer Kontakt inklusive) – woher weiss irgendein Mensch mit weissem Kittel der nicht zur Station gehört so etwas? Selbst wenn sie mich diagnosetechnisch mit jemandem von der Suchtstation verwechselt hat – wie war das mit Schweigepflicht und so?

Lehrerbriefe (1)

Bei einem meiner letzten sporadischen besuchen der Schulwebseite (warum ich da ab und an drauf schaue weiß ich nicht, ich bin jedes Mal sehr aufgewühlt hinterher) hab ich gesehen, dass mein sehr sehr geschätzter Kunstlehrer in Ruhestand gegangen ist.
Und da ich seit langem den Gedanken habe einigen Lehrern Briefe zu schreiben dachte ich, ich fang bei ihm an. Ich bin zwar noch nicht so zufrieden damit, aber erstmal steht er.

Lieber Herr W.

Im Sommer sind Sie in Ihren Ruhestand gegangen, herzlichen Glückwunsch. Sie waren lange Lehrer an der Schule, und irgendwie kann ich mir das Gymnasium ohne Sie nicht vorstellen. Ihre Sternendeko in der Aula und Ihr Fagott. Die Musik und die Kunst.
Ich glaube Sie werden eine große Lücke hinterlassen.

Sie waren meine Schulzeit hindurch die Person, die es geschafft hat dass ich gute entspannte und sichere Schulstunden hatte. Wo es Wertschätzung für meine Leistung gab. Es waren Lichtblicke in demütigenden und entmutigenden Stunden.
Die Zeit im Leistungskurs war das Beste was mir in der Schulzeit passieren konnte.

Selbst wenn jemand eine Aufgabe nicht ganz so erfüllt oder umgesetzt hatte wie Sie es sich vorgestellt hatten gab es etwas Positives zu erwähnen, und wenn es „nur“ die Farbzusammenstellung war. Bei Ihnen konnte man Fehler machen ohne sich zu schämen und ohne dass die ganze Klasse gelacht hat. Weil Sie bei jedem etwas Verbesserungswürdiges gefunden hatten (perfekt ist ja niemand) und auch bei jedem etwas Gutes.

Der Elan, die Freude mit der Sie uns Fotografie nahebrachten. Die selbstgebauten Lochkameras aus Keksdosen mit kiloweise Keksen die verputzt wurden. Ja, man kann mit vollem Mund „popp“ sagen, alles eine Sache der Übung.
Das Eis aus der alten Eismaschine beim Kurstreffen bei Ihnen zu Hause, wo wir auch einige Kameraschätze bewundern konnten. Und das alles so entspannt und zwanglos.
Die donnerstäglichen Kuchen.
Der Julklapp zu Weihnachten mit selbstgemachten Sachen.
Die Bühnenbildgestaltung mit dem „Jonispezialgrün“ für das Stadtjubiläum.

Das Glitzern in den Augen wenn Sie uns Feinheiten bei Bildern zeigten. Uns auf Dinge aufmerksam machten die uns nie aufgefallen wären. Ihre Freude mit uns in der Kunsthalle Bilder zu besprechen, zu bestaunen und zu genießen.

Sie machten Mut Dinge auszuprobieren. Sie bestärkten die Menschen mit ihrem „Einhaarpinsel“ auch mal dickere Pinsel und mehr Farbe zu nehmen, und die, die am Rumsauen waren sollten sich auch mal filigran ausprobieren.
Ich habe Ihre stilisierte Getränkedose verflucht. Das Ei. Die Schere. Und dabei doch so viel gelernt wie seitdem nicht wieder.

Vielleicht sollte es normal sein.
Vielleicht sollten Ihre Stunden gar nichts Besonderes sein.
Für mich waren sie es. Sie waren die Stunden, die irgendwie entschädigten. Die Kraft gaben. In denen ich mich nicht wie in komplett deplatzierter Versager gefühlt hab.
Und die vielleicht auch verhinderten dass ich damals schlimmeres getan hab.
Sie sagten nach jeder Schulstunde mit einem leichten Lächeln „Seid tapfer“, und ich glaube Sie können kaum erahnen was dieses „seid tapfer“ für eine Bedeutung gehabt hat.
Ich freute mich auf jede Ihrer Stunden. Immer.

Ich habe jede einzelne Schulstunde bis auf Ihre auf glühenden Kohlen gesessen. Die ganzen 10 Jahre auf dieser Schule.
Jede. Einzelne. Stunde.
Und jede Pause.
Weil immer etwas passieren konnte, ich musste mit allem rechnen.
Mit verschwunden Schulsachen, Federmäppchen die im Müll lagen oder im Schulteich oder auf dem Schuldach.
Mit Hausaufgaben die einfach so versteckt wurden.
Mit einem Beinhaken oder einem fiesen Spruch. Oder mit kompletter Ignoranz.
Mit körperlichen Tätlichkeiten im Sportunterricht, mit versteckter Kleidung — oder auch nasser.

Und mit Lehrern die mitgespielt haben. Die bei Gruppenarbeiten nicht honorierten wer die Arbeit gemacht hatte. Die die Mitschüler tuscheln und kichern ließen.
Und die es selber in ihrem Unterricht schafften einen bloßzustellen. Die einen jede Stunde an die Tafel kommen ließen bis einem ein Fehler unterlief der dann mit fiesen Sprüchen breit grinsend zu einer 5 Im Notenbuch wurde. Mit feixender Klasse natürlich dabei.
Denen es egal war WARUM etwas so war. Die einen einfach so bestraften, die auf Fehlern herumritten und sie auswalzten.
Die sich über diese unzuverlässige Schülerin aufregten und immer wieder Unterschriften der Eltern verlangten weil „xy hat mal wieder die Hausaufgaben vergessen/nicht gemacht“. Wie sollte ich auch sagen dass das Hausaufgabenheft oder die Hausaufgaben selber geklaut wurden?
Die einem z.B. in der Oberstufe nicht erlaubten einen sichereren Sitzplatz einzunehmen, weil „dann wollen das ja alle“. Stattdessen durfte man sich weiter immer wieder Kaugummi aus den Haaren pulen oder Edding rauswaschen.

Ich dachte, es ist nun an der Zeit einfach mal DANKE zu sagen.
Danke dass SIE anderes waren.
Danke für alles was Sie für mich getan haben (und das wohl ohne es zu wissen).

Ich wünsche Ihnen eine wunderschöne musik- und kunstreiche Pensionszeit.
Lassen Sie es sich gut gehen.

Ihre
K.